Die Männer und ihr "Säckchen"

Ganz offensichtlich tragen viele Männer aus Santa Marta eine Besonderheit mit sich herum:             

die Mochila

 

Diese Umhängetasche aus gewebten Naturfasern gehört zum alltäglichen Stadtbild von Santa Marta wie die fliegenden Händler und die überall umherschwirrenden Motorradtaxis. Mann trägt Beutel - und zwar ganz selbstverständlich als habe es nie etwas anderes gegeben!

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In der offiziellen Übersetzung bedeutet das Wort Ranzen, Tornister oder Rucksack. Die Rucksackreisenden werden im Spanischen auch als Mochileros bezeichnet. An der kolumbianischen Karibikküste hat es aber eine weitere Bedeutung.

 

Ein weiterer Schritt zur endgültigen Gleichberechtigung? Was bewegt die modernen Männer Santa Martas diese tägliche Last zu tragen?

 

Es ist ganz einfach sehr praktisch. Bei der typischen, sehr leichten Bekleidung, die die Witterung geradezu vorschreibt, ist nicht allzu viel Stauraum für Geldbörse, Handy etc. Schriftstücke werden sicher transportiert und auch das neueste Geschenk für die Ehefrau ist vor vorzeitiger Entdeckung geschützt. Auch der Autor hat sich schnell an das neue Tragegefühl gewöhnt, nach kurzer Zeit merkt man die Anwesenheit des zusätzlichen Textilstücks nicht einmal mehr. Falls aber in Situationen, in denen man dringend etwas wegstecken müsste, der Beutel nicht greifbar ist, wird er sofort schmerzlich vermisst.

 

 

Die Ursprünge

Arhuaco der Sierra Navada de Santa Marta
Arhuaco der Sierra Navada de Santa Marta

Die Ursprünge dieses Phänomens liegen bei den Eingeborenenstämmen der Arhuaca und Kogi, die zur indianischen Volksgruppe der Chibcha gehören und als Reste der Tairona Kultur im Norden Kolumbiens leben.

In den Traditionen der Bergstämme weben ausschließlich die Frauen diese Beutel mit den typischen, symmetrischen Mustern. Mädchen lernen die Kunst des Webens schon früh von den älteren, weiblichen Familienmitgliedern und die erste selbstständig gewebte Mochila eines Mädchens hat auch eine wichtige Bedeutung bei der Aufnahme in die Welt der Erwachsenen. Auch bei einer späteren Heirat sind von der Braut hergestellte Mochilas wichtige Gegenstände von hohem Symbolwert. Zwischen 20 und 40 Tagen braucht eine Arhuaca für die Vorbereitung der Materialien und die Herstellung.

Die Männer nutzen diese Taschen dann auf ihren Touren durch die Sierra Nevada de Santa Marta zum Transport von Nahrungsmitteln und ihrer persönlichen Kultgegenstände. 

 

 

Das Angebot

Auf den Straßen Santa Martas gibt es ein sehr großes Angebot der Umhängetaschen, als Souvenir für Touristen sind sie der Renner.

Es gibt aber große Unterschiede in der Qualität: Maschinell gefertigte, meist auch etwas bunt eingefärbte oder mit Schriftzügen versehene Beutel bekommt man schon ab 10.000 Pesos (ca. 4 Euro). Die handgewebten Exemplare, meist in dem typischen symmetrischen, zweifarbigen Design der Ureinwohner, kosten schnell mal das Zehnfache und mehr. Und wer von den Einheimischen etwas auf sich hält, geht nicht mit Touristenware auf die Straße!

Mit Sicherheit eine gute Qualität, von Frauen der Kogi oder Arhuaco hergestellt, erhält der Ortsunkundige in der Fundation "Bio Sierra". In den Verkaufsräumen in der Calle 16, No. 3-94, nur 50 Meter unterhalb der Kathedrale in der Altstadt von Santa Marta, werden Naturprodukte der Sierra Nevada zu erschwinglichen Preisen angeboten.

Hin und wieder verirrt sich eine Mochila auch an eine Hüfte des weiblichen Geschlechts. Dies wird aber ohne Kommentar geduldet und als Bestätigung des guten Geschmacks der Männer gewertet.

 

Die alles entscheidende Frage aber zum Schluss, mit der sich alle Männer irgendwann einmal befassen müssen:

 

Linksträger oder Rechtsträger?

 

Und nur einfach über die Schulter hängend (etwas lässiger) oder über die linke Schulter auf der rechten Seite hängend (oder halt umgekehrt)? Die letztere Variante hat den Vorteil, dass der Beutel eng am Körper anliegt und kein Unbefugter unbemerkt darin herumstöbern kann.

 

Auch der Autor hat sich von der praktischen Seite dieser Kultur überzeugen lassen und wird in der nächsten Zeit den Umstieg vom "Touristenbeutel" zu einer "richtigen" Mochila vornehmen.

 

Ein Horst Schlämmer, mit seinem schwarzen Herrenhandtäschen, würde beim Anblick dieser Mochilakultur Luftsprünge vollführen und sicherlich sofort vom "Täschchen" zum "Säckchen" wechseln!

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