Auf den Spuren von Gabriel Garcia Marquez

Das Land

Die Umgebung ist typischer kolumbianischer Campo, auf die Weiden von Rinderfarmen folgen kilometerlange Bananen- und Palmölplantagen. Immer wieder unterbrechen die "Schlafenden Polizisten", die "Policia Acostado", die Eintönigkeit auf der Straße von Cienaga nach Fundacion. Bodenwellen aus Beton, die ein Abbremsen des Busses auf Schrittgeschwindigkeit bei kleineren Ansiedlungen am Straßenrand erzwingen.  Die einzige Abwechselung ist das Nachtanken des Busses mit zwei 20 Liter Kanistern venezolanischen Benzins durch zwei kleine, höchstens zehnjährige Jungen am Straßenrand. Hier im Norden Kolumbiens mittlerweile ein gewohnter Anblick.

Gerade als uns die Gleichförmigkeit einlullt und etwas schläfrig macht, biegt der Bus rechts ab und hält nach 2 Minuten vor einer zweigeschossigen Tienda. Nichts zu sehen außer ca. zehn eingeschossigen Häusern links und rechts des Straßenrandes und einer kleinen aber asphaltierten Straße, die in das Zentrum der Ortschaft führt.

 

Wir sind an unserem Ziel, angekommen in Aracataca.

Das Dorf...

(Alle Fotos durch anklicken vergrößerbar)

...n'tschuldigung: Die kleine Stadt.

 

Ist mit ihren über 40.000 Einwohnern mittlerweile halb so groß wie die nahegelegene Kreisstadt Fundacion. Und doch immer noch Dorf geblieben. Hier werden die landwirtschaftlichen Produkte der Umgegend auf die Bahn oder LKw verladen und am Wochenende treffen sich die Landarbeiter der umliegenden Betriebe um mit Aguardiente (ohne Zucker!) beim Billard- oder Kartenspiel so richtig einen drauf zu machen.

Es geht ruhig und beschaulich zu, eine sehr angenehme Atmosphäre. Im Softballstadion grasen Kühe und die offene, schattige Wartehalle des Bahnhofs lädt mit ihren kühlen Bänken aus Granit zum Verweilen ein.

 

Typischer kolumbianischer "Campo" halt.

Die Barrios, die ursprünglichen Stadtteile, haben sich in den letzten Jahrzehnten fast gar nicht verändert. Wenn nicht die eine oder andere Satellitenschüssel angebracht worden wäre, könnte man meinen die Zeit sei hier stehen geblieben.

Aracataca ist Macondo

Hier ist Gabriel Garcia Marquez 1927 geboren und bei den Großeltern aufgewachsen. Hier ging er zur Schule und hatte, in Ermangelung großartiger Abwechselung, viel Zeit zum Träumen.

 

Und hier spielt auch sein Romanerfolg "100 Jahre Einsamkeit", Aracataca diente als Vorlage für den imaginären Ort Macondo. Garcia Marquez erzählt die hundertjährige Geschichte der Familie Buendia, deren Oberhaupt das Dorf Macondo gründet.

 

Die Handlung des Buches spiegelt die Geschichte des Landes wider. So beginnt sich das Dorf langsam zu entwickeln doch schon bald wird das Leben durch Kriege gestört. Dabei werden einzelne Personen als Helden verehrt, aus anderen werden große Künstler. Durch die vielen Kriege wird die Weiterentwicklung des Dorfes stark gebremst, man lebt schließlich nur noch in Erinnerung an bessere Zeiten und das Dorf ist schließlich dem Verfall preisgegeben.

 

Márquez wollte, so seine Aussage, mit dem Buch ein poetisches Zeugnis der Welt seiner Kindheit geben.

Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des magischen Realismus, der sich mit wild wuchernder Sprache den Weg durch die Wirrnisse dieser Familien-Saga bahnt.

 

Der nächste "Buendia"

Tim bei der Arbeit
Tim bei der Arbeit

Tim hat sich seinen Nachnamen vom Oberst Buendia aus dem Buch entliehen. Sein eigener, holländischer Name hat alle Attribute, um hier in Kolumbien nicht verstanden zu werden.

Er lebt seit drei Jahren hier und hat während dieser Zeit die Werke des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers und Nationalhelden studiert, viel über die Familie recherchiert und mit Freunden und Zeitzeugen des Schriftstellers gesprochen. Das Ergebnis ist ein profundes Wissen, das er gerne in seinen Touren in und um die kleine Stadt herum, weitergibt.

 

Die Führungen

Und seine Führungen sind für jeden Liebhaber von Garcia Marquez ein absolutes "Muss". Man kommt den Schilderungen in den Büchern sehr viel näher, viele Zusammenhänge nehmen hier vor Ort richtiggehend Gestalt an.

Es ist schon ein Ereignis, wenn dieser fast zwei Meter große, schlaksige Typ mit seinem Strohhut, einen Gehstock schwingend, mit uns durch den kleinen Ort geht. Fast jeder Anwohner kennt ihn und ich habe selten so viel Hände geschüttelt wie in diesen drei Stunden.

Besucht wird auf jeden Fall der Nachbau des Hauses der Großeltern, in dem "Gabo", wie die Einheimischen ihn liebevoll nennen, aufgewachsen ist.  Die letzten Gebäude der "United Fruit Company" ebenso wie die alte Post hinter der Kirche. Außerdem die Schule, vor der die berühmten Mandelbäume standen, die der Schriftsteller so unnachahmlich beschrieben hat. Und vieles mehr...

 

Tim bietet verschiedene Touren an, zu Fuß oder mit Fahrradrikschas.

Die Gypsi-Residence

Das kleine Hostal von Tim bietet einfache aber saubere Unterkünfte, die Zimmer sind großzügig geschnitten und haben alle ein persönliches Bad.
Sehr viel mehr würde auch nicht in die Umgebung passen, die kleine Stadt besteht fast ausschließlich aus einstöckigen Gebäuden.

Nach der Beendigung meiner jetzigen Lecktüre "Liebe in den Zeiten der Cholera", dem zweiten Welterfolg des Literatur-Nobelpreisträgers, werde wieder nach Aracataca fahren und mit Tim über die Ein- und Ausfälle des Schriftstellers diskutieren. Darauf freue ich mich jetzt schon !

 

 

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